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Er starb. Seine Vergangenheit raste nicht an ihm vorbei, er sah kein helles Licht am Ende des dunklen, engen Tunnels, der sich Leben nennt – er schloss seine Augenlieder, sein Kopf fiel zur Seite und sein Herz hörte auf zu schlagen.

Gespannt wartete er nun auf etwas transzendentes, etwas, das nach dem Ableben seiner physischen Hülle weiterleben sollte. Doch was sollte nach dem Tod schon kommen? Schwärze, das Ende jeglicher Gefühlsregungen, Gleichgültigkeit – sprich das, was die Vielzahl der Menschheit schon im Leben auszuzeichnen schien.
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Der Tod schleicht sich immer von hinten an und überfällt einen ohne Vorwarnung, heißt es. Was sollte er auch machen? Eine Karte schreiben? Kurz texten und nachfragen, ob der Zeitpunkt des eigenen Ablebens auch genehm ist oder da eine wichtige Sitzung im Büro dazwischen kommt? Natürlich kommt er meist überraschend. Oder zu schnell. Jedenfalls selten zum richtigen Zeitpunkt. Sprich, der Tod ist zwangsläufig männlich: Kalt, rücksichtslos, selten schön, meist störend, nie da, wenn man ihn braucht – aber dafür lässt er i.d.R. auch nicht so lange auf sich warten wie Frauen.
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Er blickte sich um. Erst nach kurzer Zeit merkte er, dass ihn das eigentlich irritieren sollte. War er nicht gerade gestorben? Überfahren von einem im Sekundenschlaf verharrenden Fernfahrer, der gerade seine 17. Stunde am Steuer eines Fünftonners verbracht und sich damit ein kurzes Nickerchen verdient hatte.
Wo war er? Weder im Himmel, noch in der Hölle – jedenfalls sah dieser Ort nicht so aus, wie man sich diese gemeinhin auf Erden vorzustellen pflegte. Dichte, dunkle Wälder auf der einen, sich bis zur Unendlichkeit zu erstrecken scheinende Felder auf der anderen Seite. Ein kristallklarer See zu seiner Rechten (die er mittlerweile, wie er bemerkte, eingebüßt hatte – der Körper setzt den Geist einer gewissen Begrenztheit aus, das hatte der Tod mittlerweile erkannt und an diesem Umstand gearbeitet), zu seiner Linken, in gewisser Entfernung, eine in den höheren Lagen schneebedeckte Bergkette.
Unberührte Naturlandschaften – gänzlich unberührt, denn auch Tiere schien es hier nicht zu geben.
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Der Tod muss heutzutage ein wahres Multitalent sein. Er fährt LKW, muss mit Messern, Pistolen, Gewehren, Kugelschreiber & Papier sowie sonstigen, allen erdenklichen Waffen umgehen können, sollte Karikaturen zu zeichnen in der Lage sein, darf sich nicht von Sicherheitsbestimmungen in Fabriken oder Bergwerken der Dritten Welt ablenken lassen, muss den richtigen Moment für den Einsturz eines Gebäudes abpassen (eine architektonische Meisterleistung) und muss Humor mitbringen („ATTENTAT, hier hat einer ne Bombe! Ne, quark, haha, Scherz…“ – durch anschließende Massenpaniken sind wohl mehr Menschen gestorben als es durch echte Bomben der Fall gewesen sein könnte). Zu guter letzt muss er noch ein guter Politiker sein, denn nicht jeder Mensch bringt genug Ignoranz, Selbstherrlichkeit, Verachtung für andere Menschen und Kurzsichtigkeit mit, um diesen Job wirklich so zu machen, wie man es von einem Präsidenten/Minister/Kanzler usw. wirklich erwartet.
Der Tod muss nicht immer grausam sein – er kann auch einen bequemen Bürojob haben.
Der Tod braucht selbst – nein, gerade – in einer globalisierten Welt keine Angst zu haben, arbeitslos zu werden.
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Unendliche Weiten warteten darauf, von ihm entdeckt zu werden, während dieser seinerseits noch immer nach einer Erklärung für sein transzendentes Dasein suchte. Unendliche Weiten… Er wusste, wie diese Welt aussah. Seine Gedanken erfassten sie in ihrer Gesamtheit, ohne dass er sich dafür fortbewegen musste – was zugegebener Maßen ohne Körper im traditionellen Sinne wohl mit Schwierigkeiten verbunden gewesen wäre.
Abgeschiedenheit…Er war alleine in dieser Welt, das wusste er. Aber er fühlte sich nicht einsam. Nein, erleichtert von gesellschaftlichen Konventionen, den Schwierigkeiten des Zusammenlebens, erschaffenen Denkblockaden, tradierten Vorurteilen über alles und jeden, erlöst von der Trivialität so vieler zwischenmenschlicher Begegnungen. Ihm fehlte niemand. Und das war das einzige, was ihm irgendwie zu fehlen schien.
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Allgegenwärtig ist der Tod. Er hat keine Helfer wie der Weihnachtsmann am Heiligen Abend. Er ist Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, er lebt in einer Gleichzeitigkeit. Er schleppt keine Sense mit sich herum, trägt keinen schwarzen Kapuzenmantel und verbringt auch seine Zeit (ein Begriff, der für ihn unerheblich ist – wie für alles, was sich nicht „Mensch“ nennt) nicht damit, vor einem großen Schrank mit Sanduhren zu stehen und zu schauen, welche wohl als nächstes abläuft. Er ist mehr ein Schatten auf dem Licht des ewig leuchtenden Lebens, der ein kurzes, kaum wahrnehmbares Dunkel schafft, um wieder – von den meisten Menschen bis zu ihrem eigenen Schattenlauf nahezu unbemerkt – zu verschwinden.
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Er durchströmte die Welt, die sich vor ihm ausbreitete. Von den höchsten Bergen, zu den tiefsten Tälern, über die tiefsten und klarsten Seen bis zu den dichtesten Wäldern erstreckten sich seine Gedanken. Losgelöst von Ängsten, Sorgen, Zweifeln – von Verantwortung (welch großes Wort, welch kleine Gruppe, die es noch zu schätzen weiß). Frei und losgelöst von allem, was bewegt.

Schließlich trafen sie sich. Eine kurze metaphysische Berührung zwischen Tod und ihm, einer Begrüßung, einem wissenden Zunicken gleich.

3.3.2006, 09:08



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